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08.06.2020  Presse und Öffentlichkeitsarbeit

Was passiert in einem Sprach-Theater-Projekt des Kommunalen Jobcenters Lahn-Dill in Zeiten von Corona

Foto der Projektfabrik bei Projektstart im März
Foto der Projektfabrik bei Projektstart im März

Zwischenbericht aus einem Projekt des Kommunalen-Jobcenters Lahn-Dill vom 08.06.2020

Was passiert in einem Sprach-Theater-Projekt des Kommunalen Jobcenters Lahn-Dill in Zeiten von Corona

Ein volles Haus und großer Applaus im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes bei den beiden Aufführungen „Aria da capo“ des Theaterprojektes JobAct-Sprachkultur. Das gab es im September 2019 während der interkulturellen Woche des Lahn-Dill-Kreises.

Momentan wäre eine solche öffentliche Veranstaltung undenkbar. Sehr schade, denn überzeugt von dem ganzheitlichen Konzept startete das Kommunale Jobcenter Lahn-Dill am 10. Februar 2020 erneut mit einer Teilnehmergruppe von 18 Menschen eine JobAct-Sprachkultur-Maßnahme in Wetzlar-Niedergirmes, durchgeführt von der Projektfabrik gGmbH.

Bei Job-Act Sprachkultur werden Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund auf ihrem Weg in Ausbildung oder Arbeit und beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützt. Mit Theaterpädagogik als persönlichkeitsentwickelndes Instrument, hinzu kommen Elemente der Sprachschule, klassisch-kreatives Bewerbungsmanagement und Einheiten der betrieblichen Praxis.

Was aber passiert in einem Projekt, was davon lebt, dass die Teilnehmenden in Aktion und in Interaktion mit anderen treten, wenn die Teilnahme-Präsenz als Schutz vor der Ausbreitung des Corona-Virus ausgesetzt wird?

Das Kommunale Jobcenter-Lahn-Dill hat die Weiterführung des Projektes ermöglicht, so wie alle anderen Maßnahmen, die wegen der Corona-Pandemie nicht so durchgeführt werden konnten wie ursprünglich geplant.

„Nur so schaffen wir es gemeinsam im Rahmen der aktuellen Möglichkeiten die Menschen in der Region weiterhin bestmöglich zu begleiten und zu stärken.“ Peter Dubowy, Vorstand

Dadurch konnte das Projektteam im Sinne der weiteren Förderung und Begleitung der Teilnehmenden von heute auf morgen mit alternativen Formaten die Lehre von zu Hause aus organisieren. Wir sind im ständigen Austausch mit den Trainern des Projektes und möchten Ihnen gerne diesen Bericht einer Bewerbungsmanagerin im Projektteam der Jobcenter-Maßnahme zukommen lassen.

Von zu Hause aus zu lehren, lernen und zu arbeiten? Wie gehen die Teilnehmenden mit der neuen Situation um?

Viola Heep, Bewerbungsmanagerin im Projektteam der Jobcenter-Maßnahme, berichtet von den Erfahrungen der letzten Wochen (Stand: Mitte Mai)

Wir sind ein Theaterprojekt für Menschen, die die deutsche Sprache besser beherrschen möchten, Unterstützung bei der Suche nach einer passenden Arbeit sind und die Interesse am Theater haben.

Mit diesem Vorsatz trafen sich seit 10. Februar 2020 insgesamt 18 Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund in Niedergirmes. Das Projekt wird im Auftrag des Kommunalen Jobcenters Lahn-Dill von der Projektfabrik gGmbH durchgeführt. Täglich wird mit einem Team aus Trainern in den Bereichen Theater, Sprache und Berufsorientierung gearbeitet. Ziel ist es, ein Theaterstück zu präsentieren, danach in eine Phase der Berufserkundung zu münden und schließlich eine Sprachprüfung abzulegen.

Wir lernten uns kennen, erste Sprachbarrieren wurden überwunden und schnell wurden erste Improvisations-Szenen auf der Bühne gespielt. Der Plan ist/war eine Theateraufführung im Juli. Doch dann ….

Nach nur 5 Wochen gemeinsamen Arbeitens sind wir in den Homeschooling-Modus gewechselt. Seit Mitte März treffen wir uns nicht mehr im Nachbarschaftszentrum in Niedergirmes. Nun treffen wir uns auf Videoplattformen, tauschen per E-Mail und Handy Arbeitsmaterial aus, vergeben Arbeitsaufträge in den Deutsch-Arbeitsbüchern und versenden mit der Post Unterlagen. Wir bekommen die bearbeiteten Aufgaben als Handyfoto zugesandt und korrigieren diese Fotos um sie dann mit den Teilnehmenden via Telefon oder Audionachrichten zu besprechen.

Diese Umstellung bedeutete in der ersten Woche sich selbst neu orientieren, die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten zu prüfen, in die Praxis umzusetzen, neu zu bewerten und den Gegebenheiten anzupassen, Datenschutzaspekte zu beachten. Parallel behielten wir die aktuelle Nachrichtenlage im Blick, versuchten den Teilnehmenden Informationsquellen in einfacher Sprache vorzuschlagen. Wir stellten selbst aktuelle Nachrichten zusammen und passten sie den verschiedenen Sprachniveaus an, gehen auf die individuellen Befindlichkeiten der Teilnehmenden ein. Ein Corona-Quiz per WhatsApp wurde entwickelt, Berichte aus der Tageszeitung werden geteilt und besprochen.

Wir haben unser Konzept an die Bedingungen angepasst, aktuell haben wir folgende Regelungen: Die Teilnehmenden melden sich täglich um 9:00 Uhr mit dem Handy in einer gemeinsamen Gruppe und sagen „Guten Morgen", wir haben 4 Arbeitsgruppen gebildet um niveaudifferenziert zu unterrichten und die Arbeitsaufträge entsprechend anzupassen. Täglich treffen wir uns mit einem Teamer in Kleingruppen zu einstündigen Videokonferenzen – teils mit Kamera, teils ohne. Parallel werden die Wochenaufgaben bearbeitet, Einzelgespräche geführt und individuelle Förderungen angeboten.

Da gibt es Familien mit schulpflichtigen Kindern. Wie erhalten diese ihre Unterrichtseinheiten, sind genügend digitale Endgeräte im Haushalt, wann hat wer ein ungestörtes Arbeitsumfeld, werden die Aufgaben verstanden?

Die Teamer werden schnell zum Nachhilfelehrer der Kinder. Umgekehrt wurden Aufgaben aus dem Kurs zu einer Familien-Challenge. Das Einüben eines Liedes funktionierte mit den Stimmen der Kinder viel besser. Die Aufgabe, ein Berufsportrait eines Kochs zu entwickeln setzte die ganze Familie in einem Stopp-Motion Film um, und dies mit viel Freude. Denn Zeit ist nun genug da, wenn die Ausflüge und die Treffen mit den Freunden ausfallen. Einige Teilnehmende überlegten sich Dehn-Übungen, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Die Übungen werden allen zur Verfügung gestellt. Eine der ersten Theater-Übungen in unserer Videokonferenz ist ein Improvisationstheater „beim Friseur“, plötzlich werden ganz neue Talente sichtbar.

Uns wurde schnell klar, dass ein für uns abstrakter Begriff der Ausgangssperre für die Teilnehmenden mit Fluchterfahrung keineswegs abstrakt ist, sondern mit schlimmen Erinnerungen verknüpft ist. Dazu kommt die Erfahrung, dass ein Virus keinen Unterschied macht zwischen dem als sicheren Hafen gesehenen Deutschland oder dem Herkunftsland. Wir Teamer erkennen immer mehr, dass wir für viele wichtige Informationen bezüglich der neuen Situation eine Übersetzer- und Multiplikatorenfunktion haben.

Dafür lernen wir in den Videokonferenzen die Familien der Teilnehmenden kennen, und die Kinder uns. Wie erklärt man einer Dreijährigen, dass die Mama nun eine Unterrichtseinheit hat und dafür eine ruhige Atmosphäre benötigt? Wo ist der Ort, an dem man ungestört arbeiten kann? Wo ist die „Stummtaste“, damit nicht die ganze Videokonferenz das Gespräch der Familienmitglieder hört?

Auch andere Fragen tauchen auf, wie verlängere ich meinen Aufenthaltstitel, wenn die Behörden keine Besucher*innen empfangen, wie melde ich online ein Auto an?

Wir mussten feststellen, die Ängste vor einer Ansteckung waren sehr groß. Viele Teilnehmende sind nur in den Wohnungen. Ein Familienmitglied erledigt die Einkäufe, die anderen bleiben zuhause. Sie zählen die Autos auf dem Parkplatz vor dem Haus oder wundern sich über die vielen Menschen auf den Straßen. So wurde es zu unserer Aufgabe zu ermutigen sich draußen zu bewegen, dabei die Abstandregeln einzuhalten und die Sonne zu genießen. Ein Spaziergang in der Natur, Ballspielen auf einer Wiese und andere Aktivitäten wurden vorgeschlagen, die Umsetzung liegt nicht in unsrer Hand.

Nach sieben Wochen Unterricht von zuhause hat sich viel eingeübt, vieles wurde gelernt und ein paar Methoden haben sich als hilfreich erwiesen und werden beibehalten. Doch ist allen klar, dass der direkte Unterricht eine andere Qualität hat. Gerade das Erlernen der Sprache bedarf eines intensiven Miteinanders und des sozialen Austauschs. Die Kontaktsperren bedeuten nicht zuletzt, Reden in der Muttersprache. Wir freuen uns, wenn es irgendwann wieder grünes Licht gibt für den Präsenzunterricht, mit Augenmaß und unter Einhaltung der Hygienehinweise und des Abstandes.

Viola Heep, Projektfabrik gGmbH

Bewerbungsmanagerin im Projektteam der Jobcenter-Maßnahme

Seit dem zweitem Juni können sich die Teilnehmenden unter Berücksichtigung von Hygiene- und Abstandsregeln wieder im Nachbarschaftszentrum Niedergirmes treffen.

Wir arbeiten vor Ort in drei kleineren Gruppen, immer zeitversetzt im Nachbarschaftszentrum. Wir haben faceshields und Community-Masken, die wir nutzten.

Das große Ziel ist es bis zum 16.07.2020, dem Premierentermin, eine digitale Produktion zu erstellen.“ Viola Heep

Der Arbeitstitel lautet: Casting bei Brecht.

Den Rahmen bildet ein Reporter, der unterschiedliche Vorsprechen von Schauspielern mit Brecht stört. Dabei werden die Hauptfiguren von Brechts Werken interviewt, Brecht berichtet über seine Intension, die Schauspieler über deren Biographie …

„Die Teilnehmenden von JobAct-Sprachkultur und das Projektteam sind jedenfalls sehr dankbar, dass das Jobcenter die Weiterführung des Projektes ermöglicht hat und haben in den letzten Wochen vieles gelernt, was ursprünglich nicht auf dem Plan stand, ihnen zukünftig aber ganz bestimmt von Nutzen sein wird.“ Viola Heep